Umgang mit sogenannten „Angsthunden“

Dieser Text enthält Informationen und Tipps für den Umgang mit sogenannten „Angst-Hunden“. Das sind Hunde, die aufgrund schlechter Bedingungen beim Heranwachsen und keinen Kontakt mit Menschen und anderen für unseren Kulturkreis relevanten Umweltreizen gemacht haben, und/oder sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen durch psychische und körperliche Misshandlungen gemacht haben. Durch diese sehr ungünstigen Umstände sind diese Hunde oft schwer traumatisiert. Angst-Hunde brauchen viel Zeit, Einfühlungsvermögen und Wissen seitens der Menschen, die sie in Pflege nehmen oder adoptieren.

Sicherheit geht vor…

  • Sicherheitsgeschirr

Oft hört man von ängstlichen Hunden, die sich in Schrecksituationen aus Geschirr oder Halsband befreien konnten und das Weite gesucht haben. Sie werden vermisst und durch die große Angst vor Menschen, die diese Hunde oft durch schlimme Erlebnisse haben, gibt es kaum Chancen, sie wieder einzufangen.

Um den Hund auf Spaziergängen optimal zu sichern, empfehlen wir deshalb ein extra Sicherheitsgeschirr. Dieses Geschirr hat einen zusätzlichen Gurt, der um den Bauch des Hundes geht. So ist es nicht möglich, dass der Hund sich aus dem Geschirr befreit.

Diese Sicherheitsgeschirre können Sie gerne über die Hundeschule Teamwork bestellen. Bitte geben Sie uns per E-mail alle notwendigen Angaben, wie z.B. die gewünschte Größe und Farbe. Wir bestellen das Sicherheitsgeschirr sehr gerne für Sie!

Wichtig ist es außerdem, die Leine immer gut fest zu halten und in jeder Situation damit zu rechnen, dass der Hund sich erschrecken könnte. Aus diesem Grund ist davon abzuraten, den Hund an einer Ausziehleine (Flexi-Leine) zu führen, da diese schnell aus der Hand rutschen kann, wenn der Hund unerwartet los rennt.

  • GPS – Sender

Für ganz ängstliche Hunde ist auch ein GPS – Sender zu empfehlen. Dieser wird am Geschirr des Hundes befestigt und kann über ein Handy geortet werden. Sollte der Hund es also schaffen, sich loszureißen, besteht die Möglichkeit, ihn mit Hilfe dieses Senders ausfindig zu machen, um ihn wieder einzufangen.

Hier gibt es die GPS – Sender – Link: https://tractive.com/de/

  • Sicherheit zu Hause und im Garten

Auch zu Hause, insbesondere im Garten, ist es wichtig, für Sicherheit zu sorgen. Oft sind normale Zäune kein großes Hindernis für Angsthunde. Insbesondere bei Hunden aus dem Ausland ist hier Vorsicht geboten. Sie mussten sich selbst mit Futter versorgen und haben so viele Erfahrungen gesammelt, gut über oder unter Zäunen her zu kommen, um an Futter oder eine sichere Ruhestätte zu gelangen.

Erst mal ankommen und Vertrauen aufbauen!!!

Besonders für Hunde die eher ängstlich sind, bedeutet jede Veränderung großen Stress.

Zieht ein Angsthund bei Ihnen ein, ist es wichtig, ihn erst einmal ankommen zu lassen. Er soll ganz in Ruhe und in seinem Tempo sein neues Zuhause und seine Menschen kennen lernen dürfen.

Zieht ein Hund ein, der keine sehr schöne Vergangenheit hatte, möchte man ihm viel Gutes tun und ihm zeigen, wie schön das Leben sein kann. Nimmt der neue Hund dann gar keine Leckerlies an und möchte auch lieber seine Ruhe, anstatt Streicheleinheiten, sind wir schnell enttäuscht. Doch wichtig ist es, dem Hund seine Zeit und seinen Raum zu lassen, um anzukommen, und ihn nicht zu bedrängen. Mit der Zeit wird er auftauen, und Ihre Geduld wird belohnt. Hat der Hund selbst die Wahl, ein Leckerchen zu nehmen oder auf Euch zu zu kommen oder eben auch nicht, fördert das seine Selbstwirksamkeit und gibt ihm Selbstvertrauen. Die Gewissheit, eine Wahlmöglichkeit zu haben und somit die Umwelt durch eigenes Verhalten zu beeinflussen, gibt sowohl uns Menschen als auch unseren Hunden Sicherheit.

Wir können für Wahlmöglichkeiten sorgen, indem wir unseren Hunden verschiedene Liegeplätze, in verschiedenen Zimmern, bereiten. So hat er die Wahl, wo er sich hinlegt. Sehr ängstlichen Hunden hilft es auch, verschiedene „Schlupflöcher“ zu haben, um den Raum besser zu erkunden. Tische, Stühle und andere dunklere Ecken, in denen der Hund sich sicher fühlt und gleichzeitig den Raum gut im Blick hat, laden eher dazu ein, auch mal den Platz zu wechseln und in ruhigen Minuten den Raum zu erkunden.

Enriched Environment
Damit das Zimmer oder die Wohnung für den Hund interessant bleibt, ist es wichtig, diese/s abwechslungsreich zu gestalten. Man kann die Dinge im Raum immer mal verändern und neue Dinge hinzustellen, die der Hund erkunden und beschnüffeln kann.

Wichtig ist dabei, dass die festen Schlaf- und Ruheplätze des Hundes nicht verändert werden, so dass er eine sichere Struktur und Möglichkeiten hat, sich zurück zu ziehen. Besonders wichtig ist diese variable Raumgestaltung für Hunde, die noch nicht auf Spaziergänge mitgenommen werden können und deshalb geistig kaum neue Dinge erleben. Gleichzeitig ist es eine gute Vorbereitung auf eine Umwelt, die sich immer mal verändert und in der der Hund immer wieder neue Dinge kennen lernt.

Mentale Stimulation durch Düfte, Klänge, Farben
Die Sinne des Hundes werden durch eine solche Raumgestaltung angeregt. Hier kann man auch mit verschiedenen Düften arbeiten, wie z.B. Kamille- und Lavendelduft. Beide Düfte haben eine beruhigende Wirkung. Es sollte aber unbedingt getestet werden, ob der Hund den Duft mag, oder eher meidet. Da Hundenasen sehr empfindlich sind, sollte auch auf eine sehr geringe Dosis geachtet werden. Genauso kann Musik (ruhige melodische Klänge) beruhigend auf den Hund wirken und bietet gleichzeitig eine mentale Stimulation. Lampen mit sanften Farben, wie beispielsweise Salzkristall-Lampen helfen, dem Raum eine warme Atmosphäre zu geben.

Bachblüten
Bei vielen sogenannten „Angst-Hunden“ war/ist auch das Einnehmen von Bachblüten hilfreich. Wer seinem Hund eine geeignete Bachblüten-Mischung anbieten möchte, kann sich gerne an uns wenden. Wir haben alle Bachblüten da und stellen auf sorgfältige Weise die passende Mischung zusammen.

Pheromone
Pheromone sind Duft-Sekrete, die ein Lebewesen selbst z.B. bei der Paarung, beim Säugen der Babies usw. ausströmt und bei den meisten Individuen angenehme Assoziationen auslöst. Pheromone gibt es in kleinen Behältern, die auf einem Stecker sitzen und in die Steckdose gesteckt werden, so dass der Duft sich im Raum verbreitet oder als Halsband, so dass er direkt in Kopfnähe des Hundes ausströmen kann.

Bitte nicht alles gleichzeitig ausprobieren bzw. anwenden, sondern erst auf behutsame Weise das eine und dann eventuell auf behutsame Weise das andere. Bitte den Hund gut beobachten: Wenn erkennbar ist, dass der Hund die Pheromone oder Bachblüten nicht mag, bitte nicht weiter anwenden.

  • Üben in kleinen Schritten

Ist der Hund angekommen und fühlt sich wohl im neuen Zuhause, können Sie mit dem Üben und Erkunden der Umgebung beginnen. Sowohl das an der Leine laufen, als auch viele Dinge in Ihrem Umfeld sind vorerst fremd für Ihr neues Familienmitglied.

Darum ist es wichtig, in kleinen Schritten zu üben und nach und nach die Umgebung zu erkunden, um den Hund nicht zu überfordern.

Dasselbe gilt für Übungen, wie Sitz und Platz oder ähnliches. Kurze Übungseinheiten und häufige Pausen sind wichtig für einen guten Lernerfolg. Außerdem sollten die Übungen ganz langsam aufgebaut werden und der Schwierigkeitsgrad dem Lernfortschritt des Hundes angepasst sein.

Freuen Sie sich über kleine Schritte, die Sie zusammen gemeistert haben!

  • Nasenarbeit als Mutmachtraining mit Beispielen

Verschiedene Arten von Nasenarbeit sind eine gute Beschäftigung für Ihren Hund und eine gute Ergänzung zum Training zu Hause und im neuen Umfeld des Hundes.

Nasenarbeit ist eine sehr hundegerechte Beschäftigung, die auch den Kopf optimal auslastet. Die meisten Hunde haben viel Spaß an dieser Art der Beschäftigung.

Außerdem gibt die Nasenarbeit Ihrem Hund Selbstvertrauen, weil er Selbstwirksamkeit erlernt. Dazu ist Nasenarbeit ein Mutmachtraining für ängstliche Hunde, weil Leckerchen aus oder von verschiedenen Dingen herausgeholt werden, wie z.B. aus einem Karton, der sich bewegt und Geräusche macht, und aus Zeitung, die knistert; – das macht Mut, wenn man es geschafft hat, und die Leckerchen sind eine große Motivation und Belohnung für den Hund, neben der Erfahrung, es selbst geschafft zu haben.

Folgende Möglichkeiten der Nasenarbeit mit dem Hund gibt es:

Päckchen packen – je nach Größe des Hundes nimmt man dazu einen Schuhkarton oder Eierkarton o.ä. und Zeitungspapier. Die ersten Male legt man die Leckerchen einfach auf die zusammengeknautschte Zeitung drauf. Findet der Hund dies noch zu unheimlich, reicht es auch, mit einem Karton zu beginnen, wo Leckerchen drin liegen, die der Hund daraus frisst (oder Leckerchen neben dem Karton zu suchen).

Hier bietet es sich an, den Hund auf die Leckerchen aufmerksam zu machen und die Suche mit einem Signalwort zu verknüpfen wie „Such“. Dieses Signalwort wird der Hund schnell verknüpfen, und Sie können es bei den verschiedenen Schnüffelspielen anwenden. Lernt er in einer neuen Situation, nach Leckerchen zu suchen, kann dem Hund durch das Signalwort geholfen werden. Er weiß dann schon, um was es geht. Auch wenn mal ein Leckerchen auf den Boden fällt, kann man den Hund mit „Such“ danach suchen lassen.

Nach und nach kann man den Schwierigkeitsgrad erhöhen und auch mal Leckerchen unter die Zeitung legen und bei ganz fortgeschrittenen Hunden sogar mal die Leckerchen in die Zeitung einwickeln beziehungsweise die Zeitung um die Leckerchen knautschen. Und zum Schluss sogar den Karton schließen.

Leckerchen im Gras/Laub suchen – auf einer Fläche von 1*1 Meter im Gras kleine Leckerchen verstreuen und den Hund suchen lassen. Die Übung kann je nach Lernstand des Hundes auch mit einer Sitz-/Platz- und Bleib- Übung verbunden werden. Wenn der Hund die Übung kennt und gut meistert, kann die Fläche auch noch vergrößert werden.

Leckerchenbaum – weiche Leckerchen, zum Beispiel kleine (erbsengroße) weiche Leckerlies aus dem Zoo-Fachhandel oder besser gekochtes Hühnchen, Käse, o.ä. werden in die raue Rinde eines Baumes gesteckt. Zunächst auf Höhe des Hundekopfes, nach und nach auch mal etwas weiter oben oder unten. Der Hund darf die Leckerchen suchen. Braucht der Hund zunächst Hilfe, können Sie ihm die Leckerchen zeigen und ihm helfen.

Intelligenzspiele/Holzspiele – gibt es im Tierfachhandel und im Internet zu kaufen. Hier ist auf eine gute Verarbeitung zu achten und der Hund sollte damit nicht alleine gelassen werden (Gefahr, dass er Teile abbeißt und verschluckt). Außerdem sollte man diese Spiele ebenfalls zu Beginn sehr einfach gestalten, damit der Hund motiviert bei der Sache bleibt, und nach und nach den Schwierigkeitsgrad erhöhen.

Auch in der Nähe anderer Gegenstände oder Dinge, die dem Hund Angst machen, kann man Leckerchen suchen lassen. Dabei ist darauf zu achten, dass dies in einer Entfernung geschieht in der sich der Hund noch wohl fühlt. Erst nach und nach darf in kleinen Schritten der Abstand verringert werden. Vielleicht traut sich der Hund dann in einiger Zeit sogar, Leckerchen von dem zunächst noch komischen Gegenstand herunter zu fressen.

  • Für den Fall, dass ein Angst-Hund vermisst wird

Falls der Fall eintritt, dass ein Hund wegläuft und vermisst wird, gibt es die Möglichkeit, nach Pet-Trailern in der Nähe zu googeln, die mit speziell dafür ausgebildeten Hunden den vermissten Hund suchen. Wenn der Angst-Hund sich aufgrund seiner Scheu nicht einfangen läßt, besteht die Möglichkeit, bei einem Spezialisten für schonende Distanz-Narkose, z.B. Heino Krannich, anzufragen, ob dieser kommen kann und den Hund mithilfe der Distanz-Narkose zu narkotisieren und dadurch wieder zu sichern.
Die Website von Heino Krannich ist: http://www.heino-krannich.de/

  • Weitere Literatur zum Thema…

Neues Buch des animal learn Verlags:
Angsthund – Bettina Specht
Preis 19,90€
Das Buch ist in der Hundeschule Teamwork erhältlich oder unter folgendem Link: http://verlag.animal-learn.de/index.php?page=shop.product_details&category_id=6&flypage=flypage.tpl&product_id=89&option=com_virtuemart&Itemid=59&vmcchk=1&Itemid=59

Leben will gelernt sein – So helfen Sie ihrem Hund, Versäumtes wettzumachen – Birgit Laser
Preis 22,50€
ebenfalls erhältlich in der Hundeschule Teamwork oder unter folgendem Link:
http://www.laserdogs.de/shop.html

Text von Anke Rochelt und Lea Benfer, Hundeschule Teamwork, Stadtallendorf.

Der komplette Text darf gerne verlinkt oder weitergegeben werden mit Angabe der Ursprungsquelle. Für Direkt-Links zum Text hier die URL: http://hundeschule-teamwork.com/angebote/info/umgang-mit-sogenannten-angst-hunden/

Einen empfehlenswerten weiteren Link zum Thema „Angsthund“ gibt es hier: http://www.dogsinthecity.at/2017/02/26/einen-angsthund-strafen-gefaehrlicher-unsinn/